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Nachrichtenticker Krasnodar
  • Bis 2018 soll eine Brücke die Krasnodar-Region mit der Krim verbinden
  • Kosten rund 3,5 Mrd. Euro - Länge 19 Kilometer
  • Krasnodarer Gouverneur Alexander Tkatschow neuer russischer Landwirtschaftsminister
  • Wenjamin Kondratiev nun amtierender Gouverneur der Kubanregion

 

 

Stadt mit goldener Zukunft?

Krasnodar – Stadt mit goldener Zukunft?

Seit dem 2. Dezember 2010 interessieren sich viel mehr Deutsche für Krasnodar als zuvor: Denn seit diesem Tag ist weltweit bekannt, dass die Hauptstadt der Kubanregion Austragungsort der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 wird. Karlsruher Bürger, die Krasnodar schon besucht haben und die Stadt gut kennen, müssen sich seither viele Fragen gefallen lassen: Gibt es in Krasnodar wirklich ein Stadion für 50.000 Zuschauer? Wie sind die Verkehrsverbindungen? Ist Krasnodar eine moderne Stadt? Wie ist die Mentaliät in der Karlsruher Partnerstadt?

Die Antwort lautet stets: In Krasnodar hat sich vieles verändert, und niemand zweifelt daran, dass Krasnodar auch die Herausforderung der Fußball-WM bestehen kann. Während die Metropole am Kuban in der Sowjetära in einem dauerhaften Dämmerschlaf zu liegen schien und danach die Jelzin-Ära eine kapitalistische Unordnung herbeiführte, scheint jetzt Stabilität einzukehren, und eine Lebensqualität, die auch optisch sichtbar ist. Parks, Grünanlagen, edle Ladengeschäfte, moderne Hotels und neue, saubere Stadtteile geben ein beredtes Zeugnis davon, dass Krasnodar in die Zukunft investiert. Und während deutsche Innenstädte eher ein multikulturelles, generationenübergreifendes Bild bieten, verbreiten gut aussehende, stets modisch gekleidete junge Frauen im Krasnodarer Stadtbild südliche, russische Fröhlichkeit. In Krasnodar hat man auch die Tradition wiederentdeckt: Man verehrt das Kosakentum und die große Gönnerin der Stadt, Zarin Katharina II.

Andererseits ist auch unübersehbar, dass noch einiges zu tun ist, bis man sich mit anderen Metropolen Europas messen kann. Alles andere wäre nach Jahrzehnten des Stillstandes auch überraschend. Alte baufällige Häuser und schlechte Straßen gibt es eben auch noch, nicht jedes Ladengeschäft versteht sich als Dienstleistungsunternehmen, in dem der Kunde König ist, und vor allem die Verkehrsprobleme drängen nach einer schnellen Lösung. Dies wird Investitionen in Milliardenhöhe erforderlich machen, und es ist nur zu hoffen, dass aus dem Budget für Sotschi 2014 und für die Fußball-WM 2018 genug Geld nach Krasnodar fließt, um nachhaltige Verbesserungen in der Infrastruktur zu erzielen.

Krasnodar befindet sich, was die Infrastruktur angeht, in einer ähnlichen Situation wie deutsche Großstädte – auch Karlsruhe – in den 1960er Jahren. Damals entwickelte sich in der Bundesrepublik Deutschland ein allmählicher Wohlstand, die Menschen kauften sich immer größere Autos, bald auch den Zweitwagen, und sie suchten neue, komfortable Wohnungen und praktische Einkaufsmöglichkeiten. In Deutschland machte man damals vieles falsch. Es gab die sogenannte „Kahlschlagsanierung“ – man riss alte Häuser ab, machte ganze Stadtteile dem Erdboden gleich, und mit ihnen zerstörte man die sozialen Bindungen der Menschen. Neue Wohnsiedlungen an der Peripherie entstanden: Im Wald, in Ruhe und Abgeschiedenheit. In Karlsruhe baute man mehrere solche Siedlungen. Erst viel später merkte man, dass man nach dem ersten Gedanken, für ein ruhiges Wohnen zu sorgen, den zweiten und dritten vergessen hatte: es gab nur wenige Einkaufsmöglichkeiten, und die Anbindung an Straßenbahn und Bus war teilweise überhaupt nicht vorhanden. Man baute in den neuen Siedlungen Garagen für zwei, drei Autos pro Familie, ohne zu erkennen, dass diese Autos alle ins Stadtzentrum fahren und dort für ein Verkehrschaos sorgen.

Erst seit wenigen Jahren denkt man in Karlsruhe um: „Wir müssen die Leute dort abholen, wo sie wohnen“, heißt das Credo. Mit unglaublichem finanziellem Aufwand und Geld aus dem Haushalt des Bundes und des Landes Baden-Württemberg baute man das Straßenbahnnetz bis in die Vorstädte aus, und unter der Karlsruher Hauptstraße, der Kaiserstraße, entsteht ein kilometerlanger Straßenbahntunnel, der 2016 fertig sein soll.

Krasnodar hat die große Chance, aus den Fehlern, die man früher in Karlsruhe und anderswo gemacht hat, zu lernen: Kein Abriss von historischen Häusern, wenn deren Substanz erhalten werden kann. Dadurch kann die Ausgewogenheit von Stadtteilen erhalten werden. Und nur ein baldiger und großzügiger Auf- und Ausbau von schnellen, attraktiven Straßenbahnverbindungen dürfte einen Verkehrskollaps verhindern können. Nicht nur mit der Metro von Paris oder Moskau, auch mit den Straßenbahnen von Karlsruhe, Straßburg oder Göteborg ist man schneller im Stadtzentrum als im eigenen Auto. Wie in Karlsruhe ist es in Krasnodar von Vorteil, dass die Straßenbahnen auf derselben Spurbreite verkehren wie die Eisenbahn, so dass man deren Netz einbeziehen kann.

Und wie finden sich die Menschen in ihrer boomenden Stadt Krasnodar zurecht? Wonach streben sie? Auch hier ist ein Wandel zu beobachten, vielleicht sogar ein Unterschied zwischen den Generationen, und eine Annäherung an das Leben im westlichen Europa. Denn: ob der Mensch in seiner Arbeit erfolgreich ist, hängt von seiner Bildung und seiner Eigeninitiative ab. Im Bildungsbereich nimmt Krasnodar mit vielen akademischen Einrichtungen eine Vorbildrolle ein. Und wie im Westen ist derjenige, der Eigeninitiative zeigt, beruflich erfolgreich. In Krasnodar erscheint es zumindest teilweise so, dass viele aus der älteren Generation mit dem Tempo der Jüngeren nicht mitgekommen sind, weil es ihnen schwerfiel, selbst initiativ zu werden und die Regeln des Marktes zu verinnerlichen. Man kann heute, dies mag bedauerlich sein, nicht mehr darauf vertrauen, dass der Staat einen Arbeitsplatz zur Verfügung stellt, an dem man monatlich sein Geld bekommt, auch wenn man nicht gebraucht wird.

Es fällt auf, dass viele junge Menschen in Krasnodar einen wirtschaftlich orientierten Beruf ergreifen. Nicht selten steckt dahinter die Hoffnung, schnell reich werden zu können. Leider wird beim oberflächlichen Streben nach Geld oft übersehen, dass der Kapitalismus eine egoistische Komponente hat. Viele Unternehmen bereichern sich auf Kosten anderer und treiben Firmen und Menschen in den Ruin. Es scheint, als würden sich Studenten aus Krasnodar mit diesem hässlichen Antlitz des Kapitalismus nur wenig befassen, und es ist zu hoffen, dass sie nicht irgendwann zu dessen Opfer werden. Dagegen gefeit ist man wahrscheinlich nur durch das Erlernen von Kritikfähigkeit, damit man auch vor den ersten schlechten Erfahrungen, die man macht, entsprechende Vorsicht walten lässt.

Und man muss sich fragen, ob das tägliche Streben nach Geld nicht ethische und moralische Werte in den Hintergrund rückt – ein Thema, das sich in Karlsruhe wie in Krasnodar gleichermaßen stellt. Toleranz, Aufrichtigkeit, Rücksichtnahme, gegenseitiges Verständnis und Gesundheitsbewusstsein sind Werte, die in einer egoistischen Welt gefährdet sind. Es ist positiv zu bewerten, dass sich die Jugendorganisationen dieser Thematik annehmen. Dass dennoch ein eher geringes Interesse an Politik festzustellen ist, mag darauf zurückzuführen sein, dass man nach individuellem Wohlergehen strebt, in seiner familiären Umgebung glücklich sein will und sich in beiden Staaten keinen großen Einfluss auf politische Entscheidungen verspricht.

Junge, strebsame Menschen, Investitionen in die Infrastruktur, südliche Fröhlichkeit – ist Krasnodar also eine Stadt mit goldener Zukunft? Die Voraussetzungen sind dafür geschaffen, die Menschen erscheinen dazu bereit. Aber wenn dem Staat oder den Investoren irgendwann das Geld ausgeht, kommt jeder Fortschritt zum Stillstand. Ohne Steuereinnahmen sind Zukunftsinvestitionen zum Scheitern verurteilt. Und außerdem gibt es Faktoren, die die Stadt Krasnodar allein nicht beeinflussen kann. Wäre die Visa-Pflicht für Bürger Russlands, die in die EU einreisen wollen (und umgekehrt), ein Relikt aus der Zeit des Kalten Krieges, endlich abgeschafft, könnte es einen kolossalen Aufschwung an internationalen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kontakten geben. Und auch bessere internationale Verkehrsverbindungen wären für Krasnodar mehr als wünschenswert. Schon vor 15 Jahren existierte eine direkte Flugverbindung zwischen Krasnodar und Frankfurt am Main. Sie wurde eingestellt. Wer nach Deutschland will, muss den Umweg über Moskau nehmen, wie vor 30 Jahren, oder nach Wien fliegen. Dies ist natürlich nicht zeitgemäß, und nur wer typisch russische Geduld beweist, wird darauf bis zur Fußball-WM 2018 warten wollen.

Jan-Dirk Rausch (2011)

Aktualisierung 2016: Krasnodar wurde aus den Veranstaltungsorten für die WM 2016 herausgenommen. Der Stadtbahntunnel in Karlsruhe ist im Bau, eine Fertigstellung derzeit nicht absehbar. Flugverbindungen gibt es mittlerweile ab Frankfurt und Stuttgart mit Umstieg in Wien oder Istanbul ohne Flughafenwechsel.

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